dpa/lsw (3.11.2000, 11:49)
Grüne: erster virtueller Parteitag
Partei testet vom 24. November bis 3. Dezember elektronische
Bürgerdemokratie
Stuttgart - "Leseberechtigt ist die ganze Welt" - mit ihrem ersten
virtuellen Parteitag wollen die baden-württembergischen Grünen die Chancen und
Risiken des Internets für erweiterte politische Teilhabe testen. Der Grüne-
Landeschef Andreas Braun erläuterte am Donnerstag in Stuttgart, dass weltweit
erste Projekt dieser Art sei ein Experiment, um die demokratischen
Möglichkeiten des Internets zu erkunden.
Bei dem kleinen Parteitag geht es um die Themen Ladenöffnungszeiten und
elektronische Bürgerdemokratie, die nebeneinander diskutiert werden. Nicht nur
Delegierte und Grünen-Mitglieder können sich einloggen; jeder Interessierte
kann über die Adresse www.virtueller-parteitag.de von der virtuellen
Zuschauertribüne vom 24.11. bis 3.12. die Diskussion verfolgen. Abstimmen
dürfen am Ende des Parteitages 100 Delegierte samt dem 13-köpfigen Parteirat
und dem dreiköpfigen geschäftsführenden Landesvorstand; mit diskutieren können
die 7500 Mitglieder der Grünen im Südwesten, sofern sie sich ein Passwort bei
der Landesgeschäftsstelle besorgt haben. Wissenschaftler begleiten das
Projekt.
Nach Auffassung von Grünen-Schatzmeister Harald Dolderer bietet das
Internet auch über den Parteitag hinaus weitere Anwendungsmöglichkeiten, etwa
für Bürgerbegehren und -entscheide. Die Belastung des Landesverbandes für den
virtuellen Parteitag liege gleich hoch wie die eine normalen Parteitags mit
20.000 bis 30.000 Mark. Dabei schlagen Kosten für Software-Anpassung am
stärksten zu Buche. Einnahmen erhoffen sich die Grünen von Firmen-Werbung im
Umfeld der Diskussionsbeiträge. Die Kreisverbände sparen die Reisekosten für
ihre Delegierten, erläuterte Dolderer.
Dem Präsidium kommt nach den Worten des Initiators des virtuellen
Parteitages Marc Mausch wie bei einem echten Parteitag die Rolle zu, steuernd
einzugreifen. Die zehn Präsidiumsmitglieder versuchen, zielgerichtete
Fragestellungen zu formulieren und Anträge in Absprache mit den
Antragstellerinnen so zu verändern, dass über klare Alternativen abgestimmt
werden kann. Es gebe anders als beim normalen Parteitag keine Frauenquote,
keine gesetzten Beiträge von Prominenten und keine Redezeitbegrenzung. Mausch
rechnet mit 500 bis 1000 Grünen Mitrednern.
Das Passwort für die virtuelle Versammlungshalle ist nach Mauschs Worten zu
knacken. Doch sei diese "nicht tragisch", sondern realen Situationen
vergleichbar, in denen jemand ein Rednerpult stürmt. In dem Wust von Beiträgen
können sich Parteimitglieder Aufmerksamkeit für ihre Beiträge durch
interessante Überschriften oder durch ihren bekannten Namen verschaffen. Ein
Scheitern des Parteitages ist nach Mauschs Überzeugung nur vorstellbar, wenn
Tausende von Computern das System überlasten. "Das wäre wie eine Bombendrohung
und wir müssten den Parteitag verschieben", meinte Mausch.
Die Mehrheit der Mitglieder unterstütze die neue Form des Parteitages,
sagte Braun. Insbesondere Frauen hätten sich gern als Delegierte aufstellen
lassen. Braun betonte aber, der virtuelle Parteitag werde auch künftig die
realen Parteitreffen nur ergänzen, nicht ersetzen können.
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